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Interview: Blind Guardian

Götter tragen langes Haar
 
Blind Guardian wetteifert mit Powerwolf und Rammstein um den Titel „erfolgreichste Metal-Band Deutschlands”. In Krefeld wurde das Quintett 1984 gegründet, in Grefrath betreibt es sein Twilight-Hall-Studio in einem alten Bauernhof. Blind Guardian hat einige der aggressivsten, schnellsten und härtesten Songs der letzten 35 Jahre geschrieben und bis heute weltweit über drei Millionen Tonträger verkauft. Ihr neuestes Epos “The God Machine” dreht sich um Gottheiten, Glauben und Gesang. Olaf Neumann sprach mit Frontmann Hansi Kürsch, 56, über große Idole, seine Mutter und den Kreislauf des Leben
 
Hansi Kürsch, musstet Ihr Euch nach dem 2019 erschienenen Orchesterwerk „Blind Guardian Twilight Orchestra: Legacy of the Dark Lands“ als Band erst einmal neu definieren?
Der Ansatz bei „The God Machine“ war, sich in gewisser Weise zu emanzipieren von dem, was wir in den letzten zehn Jahren fabrizierten. Wir haben eine Ära von orchestral angehauchter Musik zu Ende gebracht. Ich habe bei der Klassikplatte gesangstechnisch sehr viel gelernt. Aber jetzt wollte ich mich gern zu neuen Ufern aufmachen, die möglichst in unserer Komfortzone liegen. Unsere Prämisse war, wieder zurück auf die Instrumentalisten in Blind Guardian zu gehen. Es war sehr angenehm, dass wir diesmal etwas schneller vorangekommen sind, weil die Band wesentlich stärker auf Metal geeicht war.
 
Hat die Orchesterplatte dazu geführt, dass Du bei der Arbeit im Studio noch perfektionistischer geworden sind?
Perfektionistischer sind wir nicht geworden, aber in gewisser Weise gelassener. Es war ein hartes Stück Arbeit, die Orchestersachen auf den Punkt zu kriegen. Wir haben viel Hilfe benötigt, um da hinzukommen. Das war bei der neuen Platte nicht ganz so stark der Fall. Wir sind auch ein bisschen erfahrener und toleranter geworden. Interessanterweise wurde diesmal viel zusammen geprobt. Jeder konnte seinen Senf dazugeben und hat auch Gehör bekommen. Dieser Austausch hat dazu geführt, dass wir eine Linie gefunden haben, die für uns mehr als akzeptabel gewesen ist.
 
Was verstehst Du unter einer „Gottesmaschine”?
Meine Texte zeichnet ein leicht spiritueller Charakter aus. Sie setzen sich mit Gottheiten und philosophischen, christlich angehauchten Direktionen auseinander. Das Albumcover stellt einen Engel dar. Es soll die Musik und den Text auf eine Ebene bringen mit dieser „Godmachine“, die Universen und Gottheiten konzipieren und gleichzeitig von einer höheren Macht geleitet werden kann. Es hält die spirituelle Erklärung offen.
 
Bist Du ein spiritueller Mensch?
Ich fühle mich in phantastischen Welten sehr wohl. Ich lebe christliche Werte und bin durchaus geneigt, an höhere Mächte zu glauben.
 
Das Album beginnt mit dem Song „Erlöse uns vom Bösen“. An wen ist diese Aufforderung gerichtet?
 Der Song ist inspiriert von Arthur Millers Drama „Hexenjagd“. Darin geht es um die historischen Hexenurteile in Salem Ende des 17. Jahrhunderts in den neuenglischen Kolonien. Diese Geschichte ist im Grunde übertragbar auf jede Hetzkampagne und Denunziation. Eine meiner Hauptprämissen lautet: Richte nicht, auf dass du nicht gerichtet wirst! Arthur Miller hat dieses Stück in den 1950ern geschrieben, als er ordentlich mit den Kommunistenjägern in Amerika zu kämpfen hatte. Sein Stück wird meistens dann aufgeführt, wenn wir auf dem Weg zu einem totalitären System sind oder uns aus einer totalitären Situation befreit haben.
 
Wie denkst Du als gläubiger Mensch über die Kirche?
Ich bin kein Kirchgänger, ich brauche die Kirche als Institution nicht, auch wenn ich sie nicht ablehne. Der Glaube an etwas – durchaus an eine höhere Macht – kann Treibkraft für Menschen sein. Dass man dabei nicht alles gutheißen muss, ist selbstverständlich.
 
Auf dem Album verarbeitest Du auch den Tod Deiner Mutter. Welches Verhältnis hattest Du zu ihr?
Der Tod meiner Mutter wird von mir eher in musikalischer Hinsicht verarbeitet, also in den Melodiebögen des Gesangs. Geschrieben habe ich das zu Zeiten, als es meiner Mutter schon sehr schlecht ging und sie letztendlich von uns gegangen ist. Unabhängig davon geht es bei dieser Nummer auch um grundsätzliche Existenzfragen: Wohin gehen wir? Wer oder was bleibt wirklich zurück? Woran soll man glauben? An was und wem kann man glauben? Nicht nur über die letzten Jahre sind viele substanzielle Grundpfeiler unseres Lebens zumindest ins Wanken gekommen.
 
Hattest Du zu Deiner Mutter ein enges Verhältnis?
Ja, wir hatten schöne Zeiten zusammen. Meine Mutter hatte nicht immer ein einfaches Leben. Sie wurde in Ostpreußen geboren und musste während des Zweiten Weltkriegs nach Polen fliehen, wo sie eine zeitlang lebte. Irgendwann kam sie an den Niederrhein und lernte meinen Vater kennen. Aber auch dann hatte sie es nicht leicht. Wir Kinder waren ihr A und O und haben ihr Leben hoffentlich halbwegs schön gemacht.
 
Wie hat Deine Mutter, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat, Dich geprägt?
Ich bin ein großer Kriegsgegner. Für mich hat der Begriff Frieden aufgrund meiner Erziehung einen Wert. Physische Konflikte und Krieg sind aus meiner Sicht um jeden Preis zu vermeiden.
 
Gibt es keine zulässige Rechtfertigung für einen Krieg?
Es gibt bislang keine, die aus meiner Sicht erfolgsbringend gewesen ist. Deswegen halte ich Krieg als Ultima Ratio für fragwürdig.
 
Der Krieg in der Ukraine wird als Kampf „Gut gegen Böse“ bezeichnet. Ist er deshalb gerechtfertigt?
Zwei Stühle, zwei Meinungen. Man muss Meinungen akzeptieren, aber ich persönlich sehe es nicht so.
 
Wie kam es zu dem Song „Secrets of the American Gods“?
 Das war die erste Nummer, die wir für das Album schrieben. Sie hat noch am ehesten diesen orchestralen, epischen Charakter, aber eine sehr düstere Atmosphäre. In Neil Gaimans Roman „American Gods” geht es viel um nordische Gottheiten. Die Atmosphäre und die Bilder, die der Autor kreiert, haben mich so inspiriert, dass ich mir Gedanken über fleischgewordene Götter machte. In dem Fall Jesus Christus, der irgendwann durch die Pilger nach Amerika importiert wurde. Dort fristet er ein Dasein mit all den anderen Göttern, die aus unterschiedlichen Gründen auf diesem Kontinent gestrandet sind. Die nordischen Gottheiten etwa sind dort mit den Wikingern schon ein bisschen früher gelandet. Sie mussten sich in einer Umgebung, die ihnen nicht unbedingt wohlgesonnen war, mit ihrer zerbrechlichen Unsterblichkeit auseinandersetzen. Zu dieser sehr schönen Überlegung sind mir viele Bilder eingefallen, die wir dann in diesem Song umgesetzt haben.
 
In der Musikwelt spricht man oft von „Rockgöttern” oder „Popgöttern“. Gibt es die noch?
Nein. Wenn, dann sind es die altehrwürdigen Bands aus den 1970ern und vielleicht noch ein paar aus den 1980ern. Aber spätestens ab den 1990ern hat sich das Musikgeschäft sehr stark verändert und ist sehr rational geworden. Es hat nicht mehr diesen Mythos, deswegen könnte ich nicht mehr ruhigen Gewissens von Rockgöttern sprechen. Es gibt bestimmt Leute, die das noch so empfinden, aber da sind wir dann auch wieder bei diesem Bild der Götter, die in sich zwar ewig leben, aber immer schwächer werden. Du kannst heutzutage ernstzunehmende Musik machen, die qualitativ sogar besser als die aus den letzten Dekaden sein kann, aber man kann diesen Status nicht mehr manifest bekommen. Wer soll denn Kiss oder Michael Jackson beerben? Das hängt vielleicht auch mit dem eigenen Älterwerden zusammen. Man sagt ja, dass das, was man als Teenager erlebt, am intensivsten ist. Es lässt sich danach nicht mehr toppen. Wenn heute jemand glaubt, sich als Rockgott präsentieren zu müssen, wirkt das befremdent. Axl Rose hat vielleicht die letzte Gunst der Stunde genutzt.
 
Welche persönlichen Begegnungen mit Rockgöttern hattest Du?
Meine großen Idole waren Ian Gillan, Freddie Mercury und Peter Gabriel. Ich habe keinen von ihnen je persönlich getroffen. Deswegen ist mir die Situation erspart geblieben, mit jemandem in Kontakt zu kommen, der für mich diesen Gott darstellt. Ich habe aber sehr nette Erfahrungen mit den Scorpions gemacht. Und einmal rief Lemmy Kilmister uns an, weil er unseren Producer Charlie Bauerfeind für seine eigene Produktion haben wollte. Aber unsere Produktionen sind immer endlos lang, deswegen konnte Charlie nicht. Der einzige Kommentar von Lemmy, bevor er auflegte, war: „Fuck Blind Guardian!” Ein halbes Jahr später ist uns das Gleiche mit einem sehr wichtigen Mixer noch einmal passiert. Seitdem weiß ich: Lemmy Kilmister ist sicherlich nicht als Blind-Guardian-Fan gestorben.
 
Lässt Du Dich zuweilen auch durch das Weltgeschehen inspirieren?
Ja, immer wieder mal. Ich versuche die Ideen aber anders einzufangen. „Batallions of Fear“ von unserem ersten Album zum Beispiel dreht sich um die Aufrüstung in Deutschland in den 1980ern, um dieses Star-Wars-Programm. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan bot für Pazifisten eine große Angriffsfläche. Heute weiß man, dass sich im Lauf der Jahre doch ab und zu etwas zum Besseren entwickelt hat. Eigentlich hoffe ich auf so etwas immer noch.
 
Wie haben Deine Eltern reagiert, als Du Dich damals eine Matte wachsen ließen und Heavy Metal machten, der noch von Teilen der Bevölkerung als Verherrlichung des Bösen wahrgenommen wurde?
Hinsichtlich der Musik waren beide Eltern sehr tolerant. Sie haben mich wahrscheinlich auch nie als gefährlich oder böse empfunden. (lacht) Auf Bandfotos aus den 1980ern sind wir relativ bunt gekleidet. Wir trugen zwar schwarze Lederjacken, waren aber nicht diese Rocker oder Satanisten. Wir legten einen etwas moderateren Stil an den Tag, der zumindest meinen Eltern nicht bitter aufgestoßen ist. Aber es gab bei uns zuhause immer Diskussionsbedarf wegen der langen Haare. Meine Mutter brauchte lange, um sich damit abzufinden. In dem Moment, als ich sie mir schließlich habe abschneiden lassen, kam von ihr der legendäre Satz: „Deine schönen langen Haare!“
 
Hattst Du eigentlich immer einen Plan B in der Tasche?
Meine Eltern bestanden darauf, dass ich eine Ausbildung mache. Ich bin gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Es war anstrengend, hat mir im Endeffekt aber viel gebracht. Nach meiner Ausbildung war ich frei, zu tun, was ich wollte. Meine Eltern haben mir nie Steine in den Weg gelegt.
 
Führt Deine Mutter jetzt ein „Leben jenseits der Sphären“, wie es in einem Deiner neuen Songs heißt?
Ich hoffe es sehr. Manchmal hat man das Gefühl, dass man eine Präsenz wahrnimmt. Aber das ist die große Unbekannte. Die Vorstellung, dass wir einfach vollständig verblassen, ist beunruhigend, aber man kann sie nicht verneinen. Der Kreislauf des Lebens – und darum geht es in “Life Beyoned The Spheres“ – lässt eigentlich vermuten, dass es danach noch irgendetwas gibt. Nichts ist komplett verschwunden.

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