Interview: Selig

20. Januar 2018

Die Hamburger Rocker von Selig feierten in den 90ern erste Erfolge, lösten sich 1999 auf und sind seit der Wiedervereinigung 2009 so beliebt wie nie. Nun ist die Band aus ihrem kreativen Exil in Schweden zurück, im Gepäck eine neue Platte („Kashmir Karma“ – OX­MOX „CD des Monats“ 11/17).

Welcher Song bedeutet euch am meisten?

Jan: Bei mir ist es „Unterwegs“. Ich finde die Aufnahme und den Text extrem berührend. Ich glaube, wir haben selten so toll zusammen­gespielt. Und der Text ist wahnsinnig schön, er bedeutet mir persönlich sehr viel.

Wo habt ihr das Album aufgenommen?

Jan: In Schweden. Anna, meine Frau, hat dort vor vielen Jahren ein Haus von ihren Großeltern geerbt. Ihr Großvater war Poet, und so gibt es eine gewisse Magie an dem Ort. Anna sagte: „Wenn ihr Lieder schreiben wollt, dann geht doch da hin. Vielleicht inspiriert es euch.“ Und es war so inspirierend, dass wir die Lieder nicht nur da geschrieben, sondern auch aufgenommen haben. Das Leben dort war wie in einer WG: morgens kommt jeder aus seiner Kabine raus, man frühstückt zusammen, geht dann spazieren und entwickelt Lieder, die auch viel mit dem Tag und mit der momentanen Verfassung zu tun haben.

Leo: Deshalb fühlt es sich auch so frisch an, weil es so ist, wie’s eigentlich sein soll: mit Freunden zusammen irgendwo hinfahren und dem Hobby frönen – das ist jetzt unser Beruf. Das machen, was man am liebsten tut, dann noch mit Kumpels zusammen … Wir haben da echt ‘ne gute Zeit gehabt.

Christian: Es war übrigens überhaupt nicht geplant, dass wir da aufnehmen. Wir hatten vier, fünf Mikros und anderes Equipment dabei, und irgendwann haben wir uns die Aufnahmen, die wir da gemacht haben, angehört. „Wintertag“ war das erste fertige Stück. Von da keimte dann so langsam die Idee auf, jetzt alles hier zu machen. Es war unser eigener Weg, wir hatten kein Management, keine Plattenfirma, keinen Toningenieuren, keinen Produzenten – wir haben alles alleine gemacht, völlig frei.

Leo: Einen Mitspieler haben wir aber doch, Michael Ilbert. Der hat im Hansastudio in Berlin schon alles Mögliche gemischt. Was Sound angeht, ist der ein Superstar. Er hat unsere Aufnahmen so behandelt, dass das Album jetzt super fett klingt – das vielleicht bestklingende Album, das wir je gemacht haben.

Jan: Der Raum, in dem wir aufgenommen haben, war echt riesengroß, und sogar mit Kamin. Zwischen den Songs kann man das Knistern hören.

Wieso habt ihr euch von eurem vorigen Team getrennt?

Jan: Irgendwann ist die Zeit durch. Bei uns gibt es immer Dreier-Phasen: Die erste war vom Album „Selig“ bis zu „Blender“, das waren drei Platten. Dann haben wir uns für zehn Jahre getrennt, und danach gab’s wieder drei Platten: „Und Endlich Unendlich“, „Von Ewigkeit Zu Ewigkeit“ und „Magma“. Danach war wieder Schluss, gefolgt von einem erneuten Umbruch, Trennung vom Keyboarder, Trennung vom Management, Trennung von Allem, man sammelt sich, dann legt man die Tatsachen zusammen, trifft eine Entscheidung und handelt – wie mein Vater sagen würde (lacht). Und jetzt geht’s wieder los, die nächsten drei Platten werden auch einen eigenen Kosmos bilden dann.

Wie lief das enge Zusammenleben in Schweden?

Jan: Als wir in Schweden angekommen sind, war gerade Wahltag in den USA. Wir sind schlafen gegangen, weil die Reise so anstrengend war. Und dann sind wir am nächsten Morgen aufgewacht und Stoppel hatte schon SMS von der Familie auf seinem Telefon: „Es ist Schreckliches passiert“. Wir haben die Nachrichten angemacht und dieser Typ ist wirklich Präsident der Vereinigten Staaten geworden. Wir guckten zum Fenster raus und es war der schönste, tollste Wintertag, den man sich vorstellen kann: Schnee auf den Feldern, der skandinavische blaue Himmel, die brennende Sonne – es war alles wunderschön, richtig friedlich. Ein krasser Gegensatz. Wir haben uns unsere Jacken angezogen und sind spazieren gegangen und haben uns gesagt: „Wir sind wie die Hobbits, wir müssen gegen den bösen Herrscher kämpfen. Aber wie können wir das am besten? Ja, komm, wir nehmen die beste Waffe, die wir haben: die Musik und die Poesie, wir benennen das Gute in dieser Welt.“ So ist auch dieser wunderschöne Song, „Wintertag“, entstanden: wir wollten den Moment festhalten. Mit dieser Nacht hat sich dann entschieden, wohin die Platte gehen soll.

Leo: Bei „Wintertag“ hört man richtig, wie wir zusammen musizieren, zu viert in einem Raum – wie wir versuchen, zusammen was hinzukriegen.

Jan: Heutzutage ist es so, dass jemand vor seinem Computer sitzt, einen Track auf­nimmt, den an seinen Kumpel schickt, und der arbeitet damit dann weiter. Aber unser Album ist das totale Gegenkonzept dazu, denn es ist wirklich alles live aufgenommen – außer den Gesang, den haben wir später raufgehustet.

Leo: Wenn man genau hinhört, entdeckt man ganz leise Stimmen – unsere. Aber das war uns alles egal, wir wollten, dass das erhalten bleibt: dieser Moment des miteinander Musizierens und vielleicht auch der Moment der Entstehung. Wir wollten mutig sein und sagen: „Auch, wenn hier ein kleiner Verspieler oder ähnliches ist, das ist egal, das sorgt für Wärme…

Christian: Das wichtigste war, dass es alle fühlen. Es war auch so besonders schön, weil dieses Unbefleckte, Unsichere erhalten geblieben ist. Es ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn man einen Song 20 Mal probt und ihn dann einspielt.

Leo: Der Zauber des Neuen. Oder des Moments, der Entstehung. Wir fühlten uns auch ein bisschen wie Entdecker. Erstmal haben wir die Landschaft entdeckt. Ich weiß noch, wie Jan uns zum ersten Mal durch den Schnee an diesen Ort gelotst hat, der Weg wurde immer schmaler und schmaler und es wurde immer unheimlicher. „Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ Und er war sich sicher: „Los, kommt! Weiter!“ Und plötzlich sahen wir den Himmel – wir gingen nämlich durch ein Dickicht. Auf einmal wurden wir belohnt mit dieser Aussicht! Ähnlich war es auch, die Musik zu entdecken: Man lässt sich in die Atmosphäre fallen und plötzlich ist ein Lied da. Es ist, als hätte man es gefunden – von selbst kommt es nicht zu dir.

Christian: Die Kunst durch einen hindurch­fließen lassen!

Stoppel: Jeden Tag waren wir woanders, um Input zu kriegen. Das war so herrlich.

Leo: Im Sommer haben wir in diesem wahn­sinnig tollen, wilden Meer gebadet …

Jan: Wir waren die ersten! Die Schweden, die älteren Damen, die am Strand standen, die sagten: „Oh, das muss echt kalt sein.“ – „Nein, nein. Das geht schon!

Stoppel: Wir haben ganz tolle Naturerlebnisse gehabt in Schweden.

Habt ihr auch eure Familien mitgenommen?
Alle: Nein, Gott bewahre!

Jan: Irgendwann kam aber ein Filmteam, das hat uns die ganze Stimmung versaut. Wir waren immer noch am Aufnehmen und die wollten das dokumentieren – was aber echt schwierig war, weil das „unser“ Platz war und plötzlich hingen da diese anderen Leute rum.

Christian: Was aber schön war: Wir haben uns dort tolles Equipment von einem Freund geliehen, und das klang richtig gut. Der Bass­verstärker war zum Beispiel so klein, dass die Musik sofort verzerrt wurde – aber das war gut so, wir sind ja eine Rockband. Wir hatten aber doch ein bisschen Sorge, zu laut zu sein.

Jan: Das war richtig laut, völlig übertrieben für dieses kleine Haus. Das war Stadionlautstärke! Aber das soll so bei Rockmusik. Da ist diese Spiritualität, die durch die Lautstärke aufkom­mt. Unser Nachbar ist Pelle Gullberg. Es gab Mal eine Band, die hieß Den Röda Kapellet – „Die Rote Kapelle“. Das war eine kommu­nistische Band, die durch Russland und die DDR getourt ist und politische Lieder gesung­en hat – und Pelle war deren Gitarrist. Aber eines Tages hat er ein Mädchen kennengelernt und die hat gesagt: „Entweder die Band oder ich“. Er hat sich für die Frau entschieden, ist Postbote geworden und in dieses Haus in Schweden gezogen. Er lebt im Haus nebenan mit seiner Frau, drei schönen Töchtern, Pfer­den und Schafen – und seinem Schwiegersohn, das ist wie in einer Serie! (lacht)

Leo: Abends kam er immer rüber, hat Wein getrunken und Session mit uns gemacht. Es war ein bisschen so, als wenn Neil Young zu Besuch kommt – ein wahnsinnig charisma­tischer Typ. Er ist ungefähr 65 und sieht jünger aus als wir alle.

Jan: Wir wurden richtige Freunde. Er hat immer gesagt: „Ich hab noch zwei Monate, dann bin ich ein freier Mann! Noch 40 Tage, noch zehn Tage!“ Und irgendwann kam er rein und sagte „I‘m a free man now!“ – er war tatsächlich pensioniert. Und dann sagten wir: „Okay Pelle, pass’ auf: wir nehmen gerade ein Lied auf, nimm Mal die Ukulele und setz’ dich hin!“ Er spielt als einziger Gastmusiker auf dem Album ein Ukulele-Solo. Und weil es OXMOX in Schweden nicht zu kaufen gibt, können wir es ja verraten: er kommt nach Hamburg zu unserem Konzert in die Große Freiheit und wir werden ihn auf die Bühne bitten, um den Song zusammen mit uns zu spielen – aber das weiß er noch nicht.

Leo: Wir sind so happy, ein richtiges Album gemacht zu haben. Jedes Stück darauf hat eine eigene Atmosphäre, die elf Titel ergänzen sich gegenseitig. Man kann eigentlich kein einziges Lied wegnehmen, dann wäre das Album nicht mehr komplett.

Christian: Wenn man sich die Platte von vorne bis hinten anhört, beginnend mit „Unsterblich“, wenn man sich da durchwühlt, dann ist es wie eine Wiedergeburt. Und am Ende der elf Stufen bist du bei „Kashmir Karma“.

Stoppel: So hab ich’s noch nie gesehen, das ist ja geil. Beim letzten Titel hast du das Ziel erreicht …

Jan: … und wirst selig!

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