OXMOX Interview: Donovan: "The Bohemian Manifesto"

OXMOX Interview: Donovan: “The Bohemian Manifesto”

29. März 2016

Seine frühen Hits “Universal Soldier”, “Colours”, “Sunshine Superman”, “Mellow Yellow”, “Atlantis”, “Maria Magenta”, “Hurdy Gurdy Man”, “Season of the Witch” und “There is a Mountain” eroberten Kontinente. Für seine Fans, ebenso wie für viele andere Musiker war Donovan (69) schon immer eine Quelle der Inspiration. In diesem Jahr feiert der Schotte sein 50-jähriges Bühnenjubiläum gebührend mit seiner “Retrospective – Fifty Year Celebration”-Tour. Am 05.04. steigt die Party in der Laeiszhalle, OXMOX hat vorab schon mal mit dem Ausnahmegitarristen über die Anfänge seiner Karriere, “The Bohemian Manifesto” und natürlich das bevorstehende Konzert gesprochen.

Gibt es ein persönliches Resumée deines Lebens?

Anfangs war ich ein Dichter. Mein Vater lehrte mich die Kunst der Poesie – er trug in Schottland oft Gedichte vor und meine Mutter und ihre Schwestern sangen irische sowie schottische Volkslieder vor Publikum. Mit 14 Jahren spielte ich dann Schlagzeug. Nicht in einer Band, sondern nur für mich selbst und ich wollte unbedingt Jazz-Drummer werden. Mein Vater besaß Aufnahmen von Gene Krupa († 1973) vom berühmten Carnegie Hall Konzert in 1938; ich hörte sie mir immer wieder an und wusste, dass dies mein Ziel war. Im Alter von 16 Jahren kam mir aber die Idee, zu trampen und ich konnte mein Schlagzeug natürlich nicht mitnehmen. Einer meiner Freunde spielte Gitarre und erzählte, dass seine Freundin ebenfalls eine besitze, die ich mir womöglich leihen könne – ich habe sie ihr nie zurück gegeben. Es war meine erste Gitarre, eine Zenon mit F-Löchern, auf die ich den “This machine kills”-Sticker klebte. Als ich später durch ein Magazin blätterte, sah ich, dass Paul McCartneys (73) erste Gitarre die gleiche war. Nur ein billiges Instrument, aber ich liebte es. Als ich anfing zu spielen, kam noch der Schlagzeuger in mir durch, da mein Tempo sehr streng war…

Deinen Durchbruch hattest du mit “Universal Soldier” im Jahr 1965…

Ich liebe den Song, aber ich habe ihn gar nicht geschrieben. Die originale Version stammt von Buffy Sainte-Marie (75) – der legendären indianischen Sängerin – doch dadurch, dass ich den Song komplett anders spielte als sie, machte ich ihn zu meinem eigenen. Als wir uns einmal trafen, forderte uns jemand auf, den Titel zusammen zu spielen und es funktionierte nicht, da ich ihm eine gänzlich andere Struktur gegeben hatte.

Als ich dann an “Sunshine Superman” arbeitete, dachte ich: “Warum bringe ich kein Cembalo ein?”. Mein damaliger Produzent, Mickie Most († 2003), fragte mich, welche Songs ich ihm vorspielen könne, als wir uns zum ersten Mal trafen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits vier Hits in den Charts, aber sie alle waren akustisch und gingen in Richtung Folk-Musik. Und mit Mickie hatte ich nun jemanden an meiner Seite, der Popsongs produzierte. Unser Plan war es, meine Textelemente und die Poesie meiner Heimat in Popmusik zu verpacken. Er hörte sich “Sunshine Superman” an und sagte: “Das ist die Single des Albums.” Ich wusste bis dahin nicht einmal, wie eine Single klang. Ich wusste nur, ich kannte bereits einige von Buddy Holly († 1959), den Everly Brothers und ich hörte andere Popsongs – ich liebte diese 45 rpm 3-Minuten-Singles. Ich hatte eine Idee und wollte sie einem Millionenpublikum präsentieren, das nichts über Philosophie, Literatur, Proteste, Bürgerrechte sowie Kunst und die Veränderungen, die der Welt bevorstanden, wusste. Wir konnten all dies in diese kleine Single packen und die Leute würden das Album kaufen. Als Mickie Most mich frage, mit welchen Instrumenten ich den Titel unterlegen wollte, antwortete ich ihm: “Kontrabass, E-Bass, Congas und Cembalo”. Überrascht meinte er: “Normalerweise nutzt man das Cembalo nicht in Popsongs”, und er bestand darauf, mir einen Komponisten zur Seite zu stellen. Er machte mich mit John Cameron (72) bekannt, der mit Jazz, klassischer Musik und Pop vertraut ist. Er hatte gerade Cambridge verlassen und war unheimlich begabt, was das Komponieren angeht. Wir hörten uns gemeinsam meine Songs an und ich sagte z. B.: “Dort will ich eine Flöte haben”, oder wenn es ein Latin-Song war: “Dort gehören Congas rein”. Wenn es Troubadour-Musik aus dem 14. Jahrhundert war, hätte das Cembalo gut gepasst. John notierte sich all meine Vorschläge und irgendwann realisierte er, dass meine Texte Geschichten sind, kurze Filme in meinem Kopf. Und die Musik sollte der Soundtrack zu diesen Sequenzen sein, ich wollte Bilder damit schaffen. So fing ich an, die unterschiedlichsten Klänge zu verwenden. Es war wie eine Art Collage – ich führte das Barock-Cembalo, südamerikanische Congas, Akustikgitarre und Jazzgitarre zusammen.

Ähnlich war es, als ich John “Jennifer Juniper” vorpielte. Er meinte, es klinge nach englischer Kammermusik aus dem 19. Jahrhundert. Dazu handelte der Song noch von einem englischen Mädchen, Jenny Boyd (heute 68). Ich habe sie nie geküsst, sie war mehr eine Freundin aus Kindertagen.

Als wir dann noch Troubadour-Musik und die Sitar verwendeten, wurde es wirklich interessant. Mein Freund George Harrison († 2001) brachte die Sitar übrigens auch in die Musik der Beatles ein.

Seit Beginn der 70er-Jahre lagen zwischen deinen Alben teilweise lange Pausen…

In den 60er-Jahren ging es vor allem darum, Themen wie die Menschenrechtsbewegung, Feminismus und Umweltschutz in die Popkultur einzuführen. Mein Freund Gypsy Dave und ich waren beide der Meinung, dass die menschliche Rasse dazu bestimmt sei, krank zu sein: Zwei Weltkriege, die Große Depression, eine Atombombe und die Zerstörung der Umwelt – das ist die Menschheit? Dies soll die am weitesten entwickelte Spezies auf diesem Planeten sein? Aufgrund dieser geistigen Krankheit, von der die Menschheit geplagt ist, schlug Gypsy vor: “Wir stellen dich vor ein gutes Mikrofon und fallen mit dem “Bohemian Manifesto of Self Change” in die Popkultur ein”. Was dann geschah, war, dass sowohl die Texte der Folk-Welt als auch jene der Dichter der Bohème in der Popkultur Fuß fassten. Warum? Weil bis dahin Millionen junger Menschen keinen Zugriff auf Songs über Bürgerrechte, Proteste, Feminismus, radikales Gedankengut, Philosophie und Meditation hatten. Diese Elemente einzubringen, ebenso wie verschiedene Musikstile miteinander zu vermischen, war meine Mission. Es war die Mission von Donovan, Gypsy und später noch Linda Lawrence (69), meiner Frau. Wir bekamen weitere Unterstützung von Joni Mitchell (72), Bob Dylan (74) steuerte unter anderem Texte über den Militärisch-industriellen Komplex bei – seine Protestlieder – Leonard Cohen (81) war dabei und Joan Baez (75). Wir brauchten sie alle, natürlich auch The Beatles. Hierbei handelte es sich um einen besonderen Fall, denn wir wurden wirklich gute Freunde. Diese Bewegung begann 1964 und bereits fünf Jahre später war unsere Mission erfüllt. Statt hinaus in die Welt zu gehen, zog ich mich dann ins Studio zurück. Schließlich machte ich meine Musik nicht, um berühmt zu werden. Mein Vater hatte mich schon in meiner Kindheit die Werte von Einigkeit, Sozialismus und Humanismus gelehrt und mich unter anderem mit den Werken von Percy Bysshe Shelley († 1822), John Keats († 1821) und William Butler Yeats († 1939) vertraut gemacht. Dies waren die Autoren der industriellen Revolution, über die wir sangen. Die Menschheit folgte einer falschen Ideologie und mein Vater sagte stets zu mir: “Du musst hinaus in die Welt gehen und der Gesellschaft helfen, denn sie ist geplagt von einer schweren Krankheit”. Wenn ich also Songs schrieb, sang und Gitarre spielte, wollte ich zu einer sozialen und spirituellen Veränderung beitragen – 1969 war dies geschafft. Meditation, Feminismus, Bürgerrechte, Aufstände – all dies war in der Gesellschaft angekommen. Was blieb mir noch zu tun? In den 70er-Jahren zog ich mich also ins Studio zurück, um an meinen spirituellen Liedern und jenen über die Umwelt zu feilen. Obwohl es so schien, als wäre ich von der Bildfläche verschwunden, habe ich in diesem Jahrzehnt acht Alben aufgenommen. Ich schrieb Songs für die nächste Generation und arbeitete mit Greenpeace und World Wildlife Fund zusammen. In den 80er-Jahren habe ich mir dann viel mehr Zeit für mich selbst genommen. Ich bin viel gereist und lebte lange Zeit in Bangladesh, im Königreich Bhutan und in Klostern im Himalaya-Gebirge, unter anderem bei den High Lamas.

Schon seit deinem Superhit “Sunshine Superman” spielte Jimmy Page (72) auf vielen deiner Songs…

Das stimmt. Und als John Bonham, der Drummer von Led Zeppelin, 1980 starb, besuchte ich Jimmy. Ich schlug vor, dass wir einfach einen neuen Schlagzeuger für die Band suchen, aber damit war er nicht einverstanden. Wir machten einen Spaziergang durch seinen riesigen Garten und er fragte mich, ob ich seine Gitarren sehen wolle. Natürlich wollte ich! Also liefen wir hinunter zum Fluss, wo ein großes Landhaus stand. Jimmy öffnete die Tür und plötzlich sah ich 300 Gitarren in Koffern. Es war wie in dem Film This is Spinal Tap. Ich schaute in einen der Koffer, in dem sich eine wunderschöne Akustikgitarre aus hellem Holz befand. Ich spielte einen Akkord und sie war perfekt gestimmt. “Sie sind alle gestimmt”, sagte Jimmy. “Du weißt nie, wann du eine Gitarre brauchst.” Das war wundervoll. Im Musikbusiness ist er mir ein guter Freund geworden. 2011 verlieh er mir den Mojo Maverick Award seit kurzem habe ich sogar einen “Doctor of Poetry”und einmal sagte er über mich, dass ich als Gitarrist nicht zu unterschätzen sei. Ich liebe ihn!

Was wirst du bei deinem Konzert am 05.04. in der Laeiszhalle spielen?

Ich werde ausschließlich Akustikgitarre spielen und natürlich alle Hits und Kultsongs sowie einen oder zwei neue Titel singen. Auf meinem neuen Album sind viele Akustiksongs zu hören und selbstverständlich auch wieder Congas und einige sehr interessante Klänge. Die CD wird im Laufe des Jahres erscheinen, aber momentan konzentriere ich mich auf die Retrospective-Tour, die Geschichte des “60er-Jahre-Donovan“.

Außerdem habe ich 700 analoge Mastertapes entdeckt. Eines Tages stand ein großer Truck vor meiner Haustür und ich bekam diese Lieferung von einem Studio in den USA: 400 Multitrack- und 300 Two-Track-Tapes – alle analog. Es dauerte sieben Jahre, um sie zu digitalisieren und in diesem Archiv entdeckte ich 150 Songs, die ich geschrieben und teilweise sogar aufgenommen hatte. Es war wundervoll. Meine Kinder und Enkel waren natürlich neugierig. Sie wuchsen zwar mit mir auf, aber im Grunde genommen, wissen sie kaum etwas über mich, außer dass ich ein berühmter Gitarrist bin. Also werden sie mit diesem Archiv viel Spaß haben…

Klaus M. Schulz, Transkription: Delia Koch

[KS]
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