OXMOX Interview: en Zuschauern ein emotionales Erlebnis verschaffen.“   Interview mit Florian Gallenberger zu  „Colonia Dignidad“

OXMOX Interview: en Zuschauern ein emotionales Erlebnis verschaffen.“ Interview mit Florian Gallenberger zu „Colonia Dignidad“

16. Februar 2016

its als Filmstudent seinen Oscar bekom­men. Für sein Spielfilm-Debüt „Schatten der Zeit“, wagte sich Florian Gallenberger glei­ch nach Indien. Mit dem Epos „John Rabe“ erzählte er 2009 die wahren Geschichte des „Schindlers von China“ mit Ulrich Tukur und Daniel Brühl in den Hauptrollen. Brühl übernimmt nun auch an der Seite von Emma Watson die Hauptrolle in „Colonia Digni­dad“. Als fiktive Helden geraten die beiden in das berüchtigte Lager des Sektenchefs Paul Schäfer, der im Chile zu Zeiten des Mi­litärputsches mit Diktator Pinochet zusam­menarbeitet und auch von der deutschen Bot­schaft unterstützt wird. Der Polit-Thriller fei­erte seine Europa-Premiere auf dem Filmfest Zürich. Dort unterhielt sich unser Mitarbeiter Dieter Oßwald mit dem Regisseur.

Herr Gallenberger, war der frühe Oscar ein Fluch oder ein Segen?

Natürlich ist so etwas immer ein bisschen ein zweischneidiges Schwert, weil es einen ge­wissen Druck und eine Erwartungshaltung gi­bt, von der man sich in schlechteren Momen­ten ein wenig anstecken lässt und sich dann große Sorgen macht. Es gibt diese Erwar­tungen, aber ob man sich diesen Schuh auch anzieht oder nicht, ist eine eigene Entschei­dung. Ich mache meine Filme, so gut ich ka­nn. Wenn die Zuschauer sie mögen, freue ich mich sehr darüber. Aber ich kann mich ja ni­cht die ganze Zeit paranoid auf diesen Oscar fixieren.

Woran liegt es, dass das Genre Thriller hierzulande so selten als Kinostoff dient?

Zum einen hat es damit zu tun, dass der Kri­mi im Fernsehen so stark ist. Der „Tatort“ hat regelmäßig 10 Millionen Zuschauer, da denken sicher viele, für solche Stoffe müsse man nicht ins Kino gehen. Aber es gab und gibt immer wieder starke deutsche Thriller, die auch erfolgreich sind, vor allem solche, die sich mit wahren Ereignissen beschäftigen, wie „Die Welle“, „Der Baader Meinhof Komplex“ oder „Das Experiment“.

Würden Sie „Colonia Dignidad” in der Tradition von „Missing” sehen?

Missing“ ist ein großartiges Werk der Film­geschichte, damit möchte ich mich nicht ver­gleichen. Während es dort darum ging, den politischen Kontext in einem Land darzustel­len, geraten bei uns die beiden Helden völlig unvorbereitet in diese Hölle namens Colonia Dignidad. Unser Film will nicht erklären und analysieren, sondern den Zuschauern ein emotionales Erlebnis verschaffen, das hof­fentlich stark ist. Und wenn sie der histori­sche Kontext interessiert, werden sie an­schließend darüber googeln.

Die deutsche Botschaft spielt keine rühmli­che Rolle in dieser Skandalgeschichte um Folter und Menschenraub …

Die deutsche Botschaft hat bis 1985 eng mit der Colonia Dignidad zusammengearbeitet. Den wenigen, denen die Flucht aus diesem Lager gelungen war, mussten zur Botschaft, weil sie keine Pässe besaßen – und von dort wurden sie wieder zurückgeschickt! In diplo­matischen Kreisen ist die Colonia Dignidad immer noch ein heißes Eisen, das keiner an­fassen möchte. Ich finde, die damalige Rolle des Auswärtigen Amtes sollte dringend unter­sucht werden.

Soll Ihr Film erreichen, dass dieses Kapitel neu aufgerollt wird?

Mir ist wichtig, dass „Colonia Dignidad“ als mainstreamiger Thriller ein möglichst breites Publikum erreicht. Wenn das gelingt, wird der Film auch dazu führen, dass diese Vor­fälle von damals nicht weiter einfach nur ver­drängt werden, bis kein Hahn mehr danach kräht und sie im Treibsand der Geschichte versunken sind.

Einige der Täter leben mittlerweile in Deutschland …

Der Arzt, der für viele Verbrechen in der Co­lonia verantwortlich war, wurde in Chile re­chtskräftig verurteilt und hat sich durch die Flucht nach Deutschland seiner Gefängnis­strafe entzogen. Er lebt jetzt in Krefeld, ohne dass sich die hiesige Justiz dafür interessieren würde.

Wie authentisch ist der Film?

Die beiden von Emma Watson und Daniel Brühl gespielten Hauptfiguren sind fiktiv, ihr ganzes Umfeld basiert auf der Wirklichkeit. Von den Selektionsprozessen des Militärs im Stadion von Santiago bis zu den Todeser­weckungen des Paul Schäfer in seiner Ge­meinschaft. Selbst seine Sprüche dabei sind überliefert und nun als Dialoge im Film zu hören.

Wie schwierig ist es, Dinge, die in der Co­lonia passiert sind, für einen Kinofilm nachzuinszenieren?

Der Film ist ja in erster Linie sehr spannend und damit letztlich Entertainment. Ich war zur Vorbereitung jedoch oft an den Original­schauplätzen des täglichen Grauens, wo man schon das beklommene Gefühl bekommt, als ob die Geister noch spuken würden. Wenn man diese Szenen später nachstellt, ist diese Erinnerung immer mit dabei.

Es ist fast schon ein Markenzeichen von Daniel Brühl, dass er in jedem Film einen Nacktauftritt hat – lasst er sich das vorab in den Vertrag schreiben?

(Lacht) Nein, das ist ein lustiges Gerücht, aber daran ist absolut nichts dran! Ich habe die Hauptfigur Daniel für ihn geschrieben. Er bringt für mich genau die richtige Mischung aus Sensibilität, Durchlässigkeit und Männ­lichkeit mit, die ich für diese Rolle im Sinn hatte.

Sie haben vor sieben Jahren bereits mit Brühl gedreht, wie hat er sich verändert?

Daniel war für mich immer ein sehr guter Schauspieler und er ist mittlerweile sogar noch deutlich besser geworden. Sobald die Kamera angeht, dann geht auch bei ihm et­was an. Er vermittelt scheinbar ganz mühelos eine große Intensität und enorme Echtheit. Daniel ist unglaublich treffsicher und verläss­lich. Zudem bringt er viel in seine Rolle mit ein. Er ist für den Film ein totaler Aktivpos­ten, der seinen Regisseur nie im Stich lässt.

Wo steht Ihr Oscar?

Im Bücherregal in meinem Wohnzimmer. Al­so ganz normal …

[KS]
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