Hamburgs beste Theater: Ohnsorg Theater

Hamburgs beste Theater: Ohnsorg Theater

10. Oktober 2012

Ina Müller beweist, dass Plattdeutsch bis heute zu unserem norddeutschen Leben dazugehört“, sagt Christian Seeler (53), Intendant des Ohnsorg Theaters. „Im alten Saal ist sie früher oft aufgetreten. ” Mehr als 75 Jahre lang galt das Haus an den Großen Bleichen, zwischen schicken Boutiquen und Passagen, als Institution in Sachen traditionelles Theater auf Niederdeutsch…

Im Sommer 2011 wurde die Wende eingeläutet. Der Vermieter stellte die Spielstätte vor eine Entscheidung: Frühzeitiger Auszug und die Finanzierung neuer Räumlichkeiten, oder aber die  Mieten würden sich ab 2015 mindestens um das Doppelte erhöhen.  „Natürlich ist es ein Risiko, einen Baum mit so stark verästelten Wurzeln hinaus zu reißen und ihn woanders einzupflanzen.“Auch wenn die Vorteile des Bieberhauses am Heidi-Kabei-Platz, in älteren Navis unter Hachmann-Platz direkt neben dem Hauptbahnhof, für sich sprechen: 30 zusätzliche und damit              insgesamt 414 Sitzplätze, eine 9 anstatt 2,70 Meter hohe Bühne, ein größeres Foyer, modernste Technik und eine kleinere Studiobühne mit 90 Plätzen. Die S-Bahn, die alle paar Minuten an  dem Haus vorbeirumpelt,  stellt aufgrund architektonischer Raffinesse kein Problem dar. Ein Großteil des Theaters, der Bühnen- und Saalböden sowie die Wände, die die Bühne umschließen, sind ähnlich wie bei der Elphilarmonie, frei schwingend auf Federn gelagert. Die zusätzlichen Kosten von einer halben Million Euro trug der Vermieter.

Mädels bauchnabelfrei im Publikum!

Der neu gewonnene Raum gibt Seeler die Chance, das Theater in die Moderne zu führen.Beliebte Stücke, wie das zur Eröffnung gespielte „En  Sommernachtsdroom” von  Shakespeare oder die Interpretation des Musicals „Der kleine Horrorladen” mit Live-Band sollen auch ein jüngeres Publikum begeistern. Das ist bereits mit „Rock op Platt“,  der Rock und Pop-Revue von Schauspielerin und Regisseurin Sandra Keck (44) gelungen, in der die zur Schlachtbank geführte Kuh Berta Wein Nicht Um Mich Poppenbüttel“(„Don’t Cry For Me Argentina“) singt. „Da hatten wir die Mädels bauchnabelfrei im Publikum! ” lacht Seeler. „Dabei mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, damit die Leute sich das Stück überhaupt ansehen. Nach der Generalprobe haben sie uns die Karten aus den Händen gerissen, und aus 10 wurden 200 Vorstellungen.

Die neue Studiobühne soll besonders für Kinder- und Jugendtheater genutzt werden. In einer Theater AG für die Oberstufe können Schüler z.B. ein eigenes Stück einstudieren und auf der großen Bühne vorführen. Für die Lütten möchte das Theater eine originelle Auffrischung des Lehrplans im Wahlpfiichtfach Plattdeutsch sein. Ähnlich wie Ina Müller (46) mit ihrem Album „Platt Ist  Nicht Uncool“, sieht sich das Ohnsorg Theater als Botschafter für norddeutsche Kultur -und Sprache.  Aus diesem Grund moderierte die charmante Hamburgerin vor  3.000  Zuschauern die  Enthüllung des Heidi-Kabel-Denkmals und die  Umbenennung des einstigen Hachmannplatzes.  (Heidi Kabel trat dem Ohnsorg 1932 bei und machte das plattdeutsche Theater überregional bekannt. Ihr berühmter Schwank „ Tratsch Im Treppenhaus “ genießt bis heute Kultstatus. Im Alter von 95 Jahren starb die Ikone 2010.)

Das Bansai-Staatstheater

Seit dem Umzug in das Bieberhaus (Anm. nicht nach Justin Bieber benannt!) verzeichnet das Theater einen Anstieg der Zuschauerzahlen um zehn Prozent. Dabei sah es 1995, als Thomas Bayer (63) Intendant des Hauses war, noch ganz anders aus. Dieser wollte das Theater über Nacht in eine Musical-Stätte verwandeln. Die Besucher blieben aus. „Das war ein Kardinalsfehler. Kaum ein Theater hat solche Erwartungshaltungen zu erfüllen, wie das Ohnsorg.  1996 kam die Anfrage, ob Christian Seeler den Posten des Intendanten übernehmenmöchte.  Schon früh  war er mit seiner Großmutter bei Vorstellungen des Hauses zu Besuch gewesen. „Ich habe damals zwar nur die Hälfte verstanden, aber es gab immer ein bisschen Taschengeld “ Plattdeutsch hat der gebürtige Hamburger von einer früheren Nachbarin auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein gelernt. Mit 24 Jahren bekam er am Ohnsorg seine erste Anstellung als „jugendlicher Liebhaber“. Durch seine kaufmännische Ausbildung wurde Seeler auch als Assistent der Geschäftsleitung eingespannt. 1984 übernahm er den Posten des Verwaltungsleiters. Auch seine drei Kinder haben bereits Erfahrungen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, gesammelt.

Langeweile kommt nicht auf.  Allein der Umzug des Ohnsorg Theaters zog sich mit den nötigen Arbeiten über zwei Jahre: So wurden z.B der Archivkeller des ehemaligen Finanzamtes, alte Bunkeranlagen aus dem 2. Weltkrieg und Fahrstuhlschächte herausgerissen und abtransportiert. 600 Lkw-Ladungen Schutt wurden aus dem Biberhaus entfernt! 1.000 Kostümkartons, 1.000 Requisitenkartons und unzählige Lastwagen Möbel und fertigen Bühnenbildem wurden an den neuen Standort gebracht. Alles konnte nicht verstaut werden. Daher hat das Theater auf der Veddel ein 1.000 Quadratmeter großes Zusatzlager, in dem der Großteil des Fundus gelagert wird. Alles wird in der hauseigenen Werkstatt und Schneiderei selbst angefertigt, um die individuellen Bedürfnisse zu erfüllen Wir sind eine Art Bonsai-Staatstheater“, betont Seeler. Eigenstandig und immer einen „Schnack auf den Lippen“- das Ohnsorg Theater ist ein echtes Hamburger Original und ist in diesem Jahr 110. Jahre alt  – OXMOX gratuliert!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[KS]
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