AStA: Für eine kritische Universität!

18. November 2016

Die aktuelle Auseinandersetzung über die Frage, in welche Richtung es gesellschaftlich gehen soll, brennt uns allen unter den Nägeln. Mit Erschrecken können wir feststellen, dass sich mit der AfD eine offen rassistische, sexistische und nationalistische Partei etab­liert, die den Diskurs – beispielsweise um die Solidarität mit Geflüchteten – mit zuge­spitzten menschenfeindlichen Positionen wei­ter nach rechts verschiebt. Der Nährboden für diese Entwicklung ist die zunehmende soziale Ungleichheit und Entsicherung der Lebensverhältnisse von großen Teilen der Bevölkerung. Spätestens seit der weltweiten Finanzkrise verliert der neolibera­le Status Quo den Boden unter den Füßen, die Versprechen, der Markt regele es schon und dass sich jeder selbst der Nächste sei, überzeugen immer weniger. Das ist auf der einen Seite gut, denn die Politik der Privati­sierungen und des Sozialstaatsabbaus ist tat­sächlich gegen das Gemeinwohl gerichtet und untergräbt den Anspruch auf ein gutes Leben. Die Entscheidungssituation wird aber leider zunehmend reaktionär beantwortet und viele Menschen stärken der brutaler auftretenden gesellschaftlichen Rechten den Rücken. Wir dürfen uns davon aber nicht entmutigen las­sen! Gegen diese Tendenzen gibt es auch er­mutigende Zeichen: Ob in der massenhaft vertretenen Flüchtlingssolidarität, dem Wi­derstand gegen TTIP & Ceta oder den en­gagiert geführten Auseinandersetzungen für bessere Arbeitsbedingungen und die Aus­finanzierung der öffentlichen Daseinsfürsorge – zu einer Polarisierung gehören mehrere Seiten. Jetzt sind alle gefordert, sich dafür einzusetzen und zu überzeugen, dass die aktuelle Krise sozial gelöst wird. Was aber kann das – auch mit Blick auf die Univer­sitäten – bedeuten? Ein wirksamer Anti­faschismus kann sich nicht darin erschöpfen, gegen Nazis und Rechtspopulisten auf die Straße zu gehen: Wie wir festgestellt haben, beziehen die geschürten „Ängste“ und rechte (V)Erklärungsmuster ihre Schlagkraft aus den realen sozialen Verwerfungen. Es gilt deshalb überall – in der Familie, Nach­barschaft, im Betrieb oder in der Schule – sich gemeinsam für die Verbesserung der Lebensbedingungen einzusetzen und rechten Deutungen damit die Grundlage zu entziehen.

Man kann diesen Pro­zess der sozialen Entsicherung und an­schließenden politischen Polarisierung auch an den Auseinandersetzungen darum, was Studium sein soll, nachvollziehen. Mit der Einführung der Bologna-Studiengänge Mitte der 90er wurde der Versuch gestartet, die Hochschulen stärker von einem Ort des gemeinsamen Lernens und der Bildung zur kritischen Mündigkeit zu einer Ausbildungs­stätte umzuwidmen. Frei nach dem Ver­ständnis von Studierenden als Produktions­faktor „Humankapital“ wurden Lehrinhalte und Lernpfade vereinheitlicht und mit ge­stuften Bachelor- und Masterabschlüssen für „Masse“ und „Elite“ die Studierenden einan­der als Konkurrenten gegenübergestellt. Er­kenntnisse, kritische Handlungsfähigkeit und das Herausbilden von individuellen Interes­sen können aber nicht in Credit Points auf­gewogen werden. Diese Vorstellung davon, was Bildung sei, ist Quark, weil sie die tatsächlichen gesellschaftlichen Herausfor­derungen, wie die Notwendigkeit von Persönlichkeitsentfaltung und Solidarität oder die Überwindung von Armut, Ausbeutung oder Krieg, nicht adressiert. Die Uni Ham­burg beispielsweise definiert ihre Aufgabe in ihrem Leitbild von 1998 wie folgt: „Ihren Bildungsauftrag sieht die Universität in der Entwicklung von Sachkompetenz, Urteils­fähigkeit und der Fähigkeit zu argumenta­tiver Verständigung auf wissenschaftlicher Grundlage. Für alle Menschen will sie ein Ort lebenslangen Lernens sein und ein öffentlicher Raum der kulturellen, sozialen und politischen Auseinandersetzung.“ Es ist also, entgegen der verordneten Bologna-Reform und der andauernden Unterfinan­zierung des Wissenschaftsbetriebs, schon einiges entwickelt. Das wird zunehmend mutig vertreten: Wir erleben in den Auseinan­dersetzungen auf dem Campus, aber auch in der Stadt, das Engagement vieler, die für eine solidarische und progressive Alternative zum Status Quo wirken. So haben in der öffentlichen Diskussion um die Fortsetzung der „Exzellenzstrategie“ von Bund und Län­dern – einem (Schein-)Wettbewerb um dring­end benötigte Mittel, der die Fokussierung der Hochschulen auf verwertbare Forschung noch weiter zuspitzt – aus den unter­schiedlichsten Ecken Wissenschaftler Kritik an der aktuellen Hochschulpolitik geäußert. Es wird immer klarer, dass eigentlich etwas anderes nötig wäre: Denn die Hochschulen könn(t)en gleich in zweifacher Hinsicht dafür wirken, dass die politischen Auseinander­setzungen rationalisiert werden: Einmal in­dem sie gesellschaftlich relevantes mit einem kritischen Ansatz zu erforschen versuchen, darüber Debatten anzetteln und so dafür wirken, dass Falschbehauptungen, Mythen und Irrtümer widerlegt werden können. Da­raus können auch gleich Ansätze entstehen, wie sinnvollere Maßstäbe zur Bewertung und Lösungen für bestehende Probleme aussehen könnten. Meistens scheitert es aber nicht daran, dass einfach die guten Ideen fehlen. Ihre Schlagkraft kann wissenschaftliche For­schung nur dann voll entfalten, wenn sie bei vielen Menschen Erkenntnisprozesse auslöst und gesellschaftlich weiter verbreitet wird. Diese Funktion kommt nun vor allem dem Studium zu: Hier soll am wissenschaftlichen Gegenstand gelernt werden, gemeinsam mit anderen Kritik zu entwickeln und sich mit­einander auf Augenhöhe auszutauschen. Rudi Dutschke, ein Vertreter der historischen 68er-Studierendenbewegung formuliert das Poten­tial einer emanzipatorischen Wissenschaft treffender: „Die ‘Kritische Universität’ ist die Rückbesinnung auf den ursprünglichen Inhalt von Wissenschaft als Prozess der Selbstbefreiung des Menschen durch Auf­klärung. Die gesellschaftliche Situation und ihre Möglichkeiten sollen analysiert werden, immer unter dem Aspekt der Veränderbarkeit in Richtung auf die Vermenschlichung der Gesellschaft. Dieser ursprüngliche Inhalt von Wissenschaft ist identisch mit dem Begriff der Demokratie.“ Wir können von den Hoch­schulen aus einiges bewegen, für eine ratio­nale Lösung der aktuellen Krise wirken und die Notwendigkeit einer emanzipatorischen Politikwende deutlicher machen! Dafür gibt es eine erstrittene studentische Selbstver­waltungsstruktur – AStA, Stupa, FSRe – auf deren Grundlage wir dynamische Veränder­ungen anstoßen können: Lasst sie uns gemeinsam nutzen! Mehr Infos & Möglich­keiten sich einzubringen findet ihr unter www.asta-uhh.de

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