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Exklusiv-Interview: Clueso “Musik ist meine Droge”

Musik ist meine Droge

Clueso alias Thomas Hübner (41) ist ein musikalischer Grenzgänger, der scheinbar mühelos zwischen den Genres hin- und herspringt. Auf seinem neuesten Opus „Album“ lotet er die unerschöpflichen Dimensionen des modernen Singer- Songwritertums aus, in das er Elemente von Pop, Folk, Jazz, Elektronik und Hip-Hop mit einfließen lässt. Der Erfurter nahm mit Udo Lindenberg das erfolgreiche Duett “Cello” auf. Mit den Fantastischen Vier gelang ihm der Hit “Zusammen”.

Seit Februar 2020 hast du sieben Singles veröffentlicht. Gibt es eines Tages eines Tages nur noch einzelne Songs anstatt ganzer Alben?

Ich bin nie nur einen Weg gegangen. Mir macht es Spaß einzelne Songs rauszuhauen, aber ich könnte mir auch vorstellen, kleine Inseln wie EPs zu machen und mich in Projekte zu werfen, weil ich nie nur einen Song schreibe. Mit Bozza zum Beispiel habe ich an zwei Tagen drei Dinger geschrieben. Jetzt wollte ich gerne ein Album mit engagiertem Pop machen. Die Stimmung auf der Platte gibt eher eine Sehnsucht wieder. Man kann mich auch in einen Keller werfen. Wenn da zwei Boxen, ein Mikrofon, eine Matratze und ein Fenster sind, werde ich geile Mucke machen. Dadurch, dass diese Pandemie mich eingesperrt hat, konnte ich in Ruhe machen. Das war ein schöner Moment, aber ich habe auch Unsicherheiten erlebt. Die Pandemie hat alles platt gemacht, was Style hat und alles Industrialisierte hat weiter funktioniert. Außer der Musik. Ja, die Musik ist der Ausgleich zu meinem verrückten Leben. Der Prozess des Schreibens ist sehr ruhig, und das Spielen auf der Gitarre hat etwas Meditatives. Ohne das würde es um mich gar nicht so gut stehen, weil ich sehr neugierig und rastlos bin.

Geht es Dir als Künstler darum, Dich ständig zu verändern und danach noch derselbe zu sein?

Auf jeden Fall. Ich hätte gedacht, dass das irgendwann aufhört, tut es aber nicht. Es gehört zu meinem Künstlerdasein dazu. Ich wollte immer, dass meine Alben nicht gleich klingen. Aber sobald ich den Mund aufmache, ist es doch Clueso.

Stand bei „Hotel California” der gleichnamige Song der legendären Eagles Pate?

Genau. Die Eagles haben den Begriff “Hotel California” geprägt. Alle Künstler sind da schon mehrfach eingecheckt. Ich habe in meinem Leben nur wenige Drogen genommen, aber in meiner Branche habe ich sehr viel gesehen und angeboten bekommen. Ich fühle mich nicht unwohl, ab und zu ins „Hotel California” zu gehen. Wer vom Leben angeschossen wird, sucht sich das kleine Hotel California und versucht, die eigene Festplatte zu formatieren. Eigentlich checkt man dort ein und nie wieder aus. Es ist faszinierend, das als Autor zu beobachten.

Was befeuert Deine Kreativität?

Tatsächlich andere Kunst, aber meistens nicht so perfekte. Bei perfekten Songs geht bei mir nichts auf, die bringen mich lediglich zum Staunen. Ein Zusammenspiel von Menschen, Begegnungen, Erlebnissen und Sehnsüchten macht einen guten Song aus. Wie viele Mikrofone man da angeschlossen hat, ist eigentlich egal. Die Beatles hatten gar nicht so viele. Mich inspiriert auch mal ein Satz, den jemand raushaut. Für mich ist Musik durchaus eine Droge, weil es dabei sehr schnell zu einem Ergebnis kommt. Nur das Fertigfeilen eines Songs dauert meistens sehr lange.

Der bosnische Rapper Bozza gastiert auf dem Lied „Heimatstadt“. Warum gehören die Straßen von Erfurt dazu?

Es gibt den Spruch „Du kriegst den Jungen von der Straße, aber nicht die Straße aus dem Jungen“. Die Gegend deiner Kindheit und Jugend und das Aufwachsen prägen deine Bio, egal wo du dich im Leben hinbewegst. Die Straßen von Erfurt und die Wende haben mich schon sehr geformt. Die Häuser sahen damals teilweise aus wie weggebombt. Krass, wie der Putz von den Wänden fiel. Die leeren Fabriken, das Wegrennen vor den Nazis, die aggressive Stimmung unter Jugendlichen, das erste Mal Klauen. Ich war viel draußen und bin oft bei Obrigkeiten angeeckt, so dass die Polizei mich nach Hause gefahren hat.

Weil Du gestohlen hattest?

Manchmal wegen Graffiti, manchmal, weil ich etwas geklaut oder irgendeine andere Scheiße gebaut hatte. Ich könnte jetzt tausend Sachen aufzählen. Erfurt war für mich ein einziger Spielplatz, weil wir nicht das Empfinden hatten, in einem geregelten System zu leben. Niemand von uns hatte ein Gefühl dafür, wem das jetzt alles gehört. Es gab ja keinen Sozialismus und kein Volkseigentum mehr. Ist es jetzt Kapitalismus? Keine Ahnung! Und die Erwachsenen waren zu der Zeit zwangsläufig mit sich selber beschäftigt, so dass man als Jugendlicher gar nicht unter Beobachtung stand. Man dachte, alles sei gerade verrückt geworden.

Und wie lief es in der Schule?

Es war sehr schwierig, weil wir dieses Freiheitsgefühl mit in die Schule genommen haben. Auch die Lehrer:innen hatten das Problem, sich sehr mit sich selber beschäftigen zu müssen. Sie mussten ja umdenken und neuen Unterrichtsstoff lernen. Es war auch für sie sehr schwierig, den jungen Leuten ein neues, kapitalistisches System beizubringen. Da bin ich häufig angeeckt. Ich habe dann 1994 mit dem Rappen angefangen und bin auf die ersten Jams gefahren. Nicht allzu große Bühnen sind sehr wichtig, um junge Leute ihre Gedanken entwickeln zu lassen. Wenn eine Bühne zehn Meter hoch ist, denkt man, ich werde das nie können. Auf Hip-Hop-Jams sah ich drei, vier Jahre ältere Rapper, die schnippten mit dem kleinen Finger, und die ganze Crowd bewegte den Arm. Das wollte ich auch.

Wärest Du ohne Musik auf die „schiefe Bahn“ geraten?

Ich hätte zumindest regelmäßig Probleme mit Autoritäten und Verboten gehabt. Ich hätte mich wahrscheinlich nicht zu allzu düsteren Sachen hinreißen lassen, aber ich wäre nicht sehr weit gekommen.

Kürzlich hast Du in Deiner Heimatstadt Erfurt mit Straßenmusikern ein spontanes 45-minütiges Konzert gespielt. Bist Du ausgehungert, was Auftritte betrifft?

Absolut. Es gibt hier diesen Straßenmusiker, der mich immer grüßt, wenn ich an ihm vorbeilaufe. Zweimal forderte er mich schon dazu auf, mit ihm „Four Seasons In One Day“ von Crowded House zu spielen, was ich auf meinem „Handgepäck“ Album von 2018 eingedeutscht habe. Aber ich hatte nie Zeit. Beim dritten Mal habe ich mir gesagt, ich mache das jetzt mal. Eigentlich wollte ich mit ihm nur einen Song spielen, aber dann ging es eine ganze Stunde. Er hat sich darüber sehr gefreut und viel Geld in den Hut gelegt bekommen. Ein altes Straßengesetz besagt, diese Einnahmen zu teilen, aber das wollte ich nicht. Er hatte wahrscheinlich eine härtere Zeit als ich.

Wie kam es zu dem Lied „VIP“?

Mit Tim Eichel, der in LA lebt und meine letzten drei Videos produziert hat, bin ich auf Ibiza mit dem Moped zu einer Party gefahren. Das Geräusch in dem Song ist die Pumpe am Pool, die ich so gruselig fand. Da war ein Haufen Tätowierter, von denen es hieß, sie seien Banker. Die sind immer ins Nebenzimmer gegangen und total breit wieder rausgekommen. Es war wie Sodom und Gomorra! Als wir dann mit dem Moped wieder weggefahren sind, dachte ich, ich muss das alles sofort aufschreiben. Ich würde gerne coolerweise mit Schreibmaschine arbeiten, aber das macht mich nervös. Ein Stift ist auch cool. Eine Zeit lang habe ich meine Ideen in Notizbüchern festgehalten, aber ich verlege die immer. Deswegen ist viel in meinem Handy oder Laptop drin. Wenn es dann zur Sache geht, muss ich richtig wühlen, weil auch da keine Ordnung herrscht. Manchmal schreibe ich für den Papierkorb, aber das Grundgefühl einer Idee bleibt irgendwie hängen. Ich mache auch keine Backups. Künstler sind nicht so gut im Sichern. Manchmal möchte man das, was man liebt, kaputt machen. So wie ein Musiker eine Gitarre zerkloppt, die ihm eigentlich etwas bedeutet. Auf der Bühne denkt man zuweilen: „Fuck Off! Dann soll es halt so sein.“ Ich habe mal meinen Laptop während des Albumprozesses, als die Gastronomie noch auf hatte, in einem Studentencafé vergessen. Da waren die ersten zehn Ideen drauf, ohne Backup.

Und der Laptop war dann futsch?

Nein, irgendjemand im Café hat sich an mich erinnert und ihn abgegeben. Ich kenne den Namen dieser Person bis heute nicht, aber für mich der Held des Tages!

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