Liberale Moschee gewinnt Mestemacher-Preis

Liberale Moschee gewinnt Mestemacher-Preis

11. April 2019

Die liberale Moschee in Berlin stellt Frauen und Männer vollkommen gleich. Frauen halten auch Predigten, leiten das Freitagsgebet und sind als Imaminnen tätig Frauen und Männer beten gemeinsam und zeigen, dass der Islam grundsätzlich mit Demokratie, Menschen und Frauenrechten vereinbar ist.

Bereits zu Zeiten des Propheten waren Frauen als Imaminnen tätig. Ich mache nichts, als mich in dieser islamischen Tradition einzureihen und meinen Glauben friedlich zu leben.“ Seyran Ateş (im Bild rechts zu sehen) ist die erste weibliche Imamin in Deutschland und Gründerin der Moschee. Auch wenn sie sich täglich vor Angriffen fürchtet, die Leidenschaft und der Mut sind stärker.

Seyran Ateş wurde 1963 in Istanbul geboren und zog mit sechs Jahren zu ihren Eltern nach Berlin. Als Mädchen einer muslimischen Großfamilie musste Seyran ihre Eltern und ihren Bruder bedienen, durfte nicht alleine das Haus verlassen und wurde geschlagen, wenn sie nicht gehorchte. In der Grundschule lernte sie schnell deutsch, gehörte zu den Klassenbesten. 1980 floh die damals 17-jährige aufgrund der Unterdrückung von Zuhause und lebte bis zu ihrem Abitur in einer Wohngemeinschaft, wo sie ihre erste Autobiographie „Wo gehören wir hin?“ schrieb. Darin kritisiert sie offen die Rolle der Frau in traditionellen Familien.

Ateş startete ihr Jurastudium und arbeitete nebenbei in einer Beratungsstelle für türkische und kurdische Frauen, die sich vor häuslicher Gewalt schützen wollten, wo sie 1984 einen politischen Anschlag überlebte. Ihre Klientin wurde erschossen und Ateş erlitt lebensgefährliche Verletzungen. 1990 nahm Seyran ihr Studium mit neuer Motivation wieder auf, begann 1997 ihre Arbeit als Rechtsanwältin, mit dem Schwerpunkt auf Straf- und Familienrecht. Seyran eröffnete ihre eigene Anwaltskanzlei und engagierte sich nebenbei in der deutschen Ausländerpolitik, erhielt jedoch immer wieder Drohungen von politischen Gegnern. 2003 forderte sie einen Straftatbestand für Zwangsheirat im deutschen Gesetzbuch, der Frauen und Männer besser vor Zwangsheirat schützen sollte. Damit löste sie ein kritisches Medienecho aus, bis 2011 ihre Forderung erfüllt wurde.

Nachdem sie und ihre Mandantin am 7. Juni 2006 nach einem Scheidungstermin von dem geschiedenen Ehemann beleidigt und bedroht wurden, schloss sie ihre Kanzlei wieder.

Für ihr großes und ausgeprägtes Engagement für Gleichberechtigung und Integration wurde Ateş 2007 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Nachdem sie 2009 ihr achtes Werk „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ veröffentlichte, erhielt die junge Autorin zahlreiche Morddrohungen und zog sich 2009 aus der Öffentlichkeit zurück.

2012 eröffnete sie ihre Kanzlei erneut, um vor allem Frauen zu helfen. In dem Jahr gab sie auch ihre türkische Staatsbürgerschaft auf. 2014 veranstaltete sie mit ihrer Freundin Lala Süsskind ihre erste friedliche Demonstation gegen das Morden im Namen Gottes.

Ich träume von einer Moschee, in der alle Menschen zusammenkommen, die sich für den Islam interessieren und/oder daran glauben. Eine Moschee, in der es keine Geschlechterapartheid gibt und daher Männer und Frauen im selben wunderschönen Raum beten können. Das ist räumlich machbar! Der Mensch muss es nur wollen, wie alles andere im Leben auch.“

Sie ließ sich zur Imamin ausbilden und eröffnete in Berlin die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die erste liberale und geschlechterdemokratische Moschee in Deutschland. Der Name der Moschee kommt zum einen von dem Namen des islamischen Philosophen Ibn Rushd und zum anderen von dem Dichter Goethe, um seine Auseinandersetzung mit dem Islam zu würdigen. Damit soll gezeigt werden, dass die Moschee ein Ort des Gebets, aber auch des aufklärenden Denkens ist.

Die Moschee öffnet Allen ihre Türen, auch homosexuellen Frauen und Männern. Seyran sieht in der Vollverschleierung zudem die Unterdrückung der Frau. Frauen mit Kopftuch werden jedoch nicht weggeschickt. All das was die Moschee ausmacht, für einen modernen, friedlichen und toleranten Glauben. Nach der Gründung erhielt die Powerfrau erneut unzählige Morddrohungen, so dass die Polizei ihren Personenschutz auf sechs Begleitern erhöhte. „Wie ein Vogel im Käfig“ (Berliner Zeitung), beschreibt die heute 55-jährige Ateş ihre Situation. Die Polizei geht davon aus, dass sie direkt angegriffen wird wenn sie irgendwo allein hingehen würde. Schwimmbad, Kino, oder Bahnfahrten, all so etwas kennt sie nicht mehr. Stattdessen gehören gepanzerte Limosinen und ständige Bewachung ihres Privatlebens zu Seyran Ateş’ Alltag.

Doch neben Kritikern gibt es viele Unterstützer ihrer Position. Immer mehr Menschen sind für ihren Mut dankbar, schicken Spenden und positive Nachrichten, lassen die tapfere Imamin wissen, dass sie nicht allein ist. Und das weiß Seyran Ateş auch: „Ich bin nicht allein. Wir sind viele“. (Berliner Zeitung)

Da auch Kinder wichtige Botschafter von Gleichberechtigung, Integration und liberaler Religiösität sind, setzt sich Ateş außerdem für die weitere Gründung von Friedensschulen ein, an denen Toleranz, Vielfalt und Integration eine stärkere Position einnehmen sollen. Respekt!

Mer Infos unter: seyranates.de und ibn-rushd-goethe-moschee.de .

[KS]
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