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Interview: Ulrich Tukur

Dieses spritzige Lebensgefühl

Der Schauspieler Ulrich Tukur hat viele bedeutende Preise gewonnen, doch sein Herz schlägt auch für die Klänge vergangener Zeiten. 1995 gründete er die Tanzkapelle Ulrich Tukur & Die Rhythmus Boys, die sich der Unterhaltungsmusik der 20er, 30er und 40er Jahre verschrieben hat und jetzt ihre Jubiläumstour nachholt. Zum Interview mit Olaf Neumann in Hamburg bringt der akkurat gescheitelte Tukur handgemachten Kuchen von seinem Lieblingsbäcker aus dem Grindel mit. Er scheint das Empfinden zu haben, dass eine „ordentliche“ Anzughose Weit oben in der Taille zu tragen ist.

OXMOX: Worum geht die Jubiläumstour „Rhythmus in Dosen“ mit den Rhythmus Boys?

Ulrich Tukur: Ich erzähle vom Leben berühmter Komponisten und Protagonisten der Unter- haltungskultur der 20er, 30er und 40er Jahre. Als großer Verehrer Cole Porters, Irving Berlins, George Gershwins oder Glenn Millers flunkere ich Geschichten über sie zusammen, gemeinsame Erlebnisse, die die ich mit ihnen teilte, aber die es natürlich nie gab. Ich erzähle dabei vom Glanz und Zauber einer untergegangenen Epoche. Es ist der Versuch, Menschen in unserer bedrängenden Zeit etwas zu erheitern und gelassener zu stimmen. Das Ganze ist gattungsübergreifend: Konzert, Varieté, Kabarett, Theater und höherer Blödsinn. Dabei ist jeder Abend anders. Ich weiß nur den ersten Satz, und dann schaue ich, wie so die Chemie im Raum ist.

Woher stammt der Titel „Rhythmus in Dosen“?

Von Lutz Templin. Er fand sich in meiner Schellackplatten-Sammlung. Templin war Anfang der 40er Jahre Leiter der berüchtigten Propaganda-Swing-Band „Charlie and His Orchestra“. Goebbels hatte ihn beauftragt, ein Orchester zusammenzustellen, die im Auslandsrundfunk amerikanische und englische Schlager spielen sollte. Der Crooner Charlie Schwedler sang die Originale auf Englisch, versetzt mit antisemitischen und antiamerikanischen Texten. Und dieser Lutz Templin hat 1942 „Rhythmus in Dosen“ aufgenommen, eine ziemlich schmissige Instrumentalnummer. Einige Orchester haben in Berlin ja noch bis 1944 gespielt, und wenn sie es live taten, machten sie mitunter ziemlich heiße Musik. Das Dritte Reich war nicht so durchstrukturiert, wie wir das gerne glauben. Vom Orchester Hans-Georg Schütz habe ich eine Aufnahme von 1943, „Heiße Tage“, die sehr hot, fast amerikanisch ist. Warum er das einspielen durfte und andere nicht, weiß ich nicht. Vieles war unlogisch und erratisch in dieser Zeit, so wie ja auch unsere pandemische Politik oft einer gewissen Logik entbehrt. Als wir aufgrund der Corona-Situation unser Programm auf 70 Minuten ohne Pause abspecken mussten, haben wir uns auf kleinere, feine musikalische Dosen konzentriert und Templins Titel übernommen.

Wie kamen Sie an die Schellack-Platten?

Ich habe sie über Jahre auf Flohmärkten zusammengekauft oder von Onkeln und alten Tanten
geerbt. 1975/76 war ich auf einer Highschool in Boston. Ein Countrystore am Rande der Stadt
war prallvoll mit amerikanischen Schellacks aus den 20ern, 30ern und 40ern in schick aufgemachten Alben. Die habe ich zu hunderten nach Deutschland geschickt, wobei die Hälfte unterwegs zu Bruch ging. Darunter sind Raritäten, die niemand sonst auf der Welt besitzt. In Ihrer Berliner Wohnung ist ein Zimmer im Stil der 1920er Jahre eingerichtet…
In der ganzen Wohnung finden Sie nichts, das aus der Zeit nach 1935 stammt. Es ist eine Mischung aus orientalischen, asiatischen und venezianische Stilelementen. Eine skurriles Bühnenbild mit Tapeten aus den 1870er Jahren und Deckengemälden. Art Deco ist das modernste, was ich besitze, der Rest ist 19. Jahrhundert. Es ist wohl eine der wenigen ganz erhaltenen Berliner Wohnungen aus der Gründerzeit, die noch ihren Dienstbotentrakt haben.

Wie viele Dienstboten sind für Sie tätig?

Keiner. Die Zeiten sind vorbei! (lacht) Früher gehörte die Wohnung einer jüdischen Dame, einer Schneiderin, der es gelungen war, ihre Tochter 1938 außer Landes zu bringen. Sie wurde mit ihrer Enkelin 1944 deportiert und in Auschwitz ermordet. Ein Foto von ihr haben wir vom Vor- besitzer erhalten und einrahmen lassen. Es hängt jetzt am Eingang als Verbeugung vor dem Menschen, dem die Wohnung eigentlich gehört.

Sind diese Zeitreisen nützlich bei der Vorbereitung auf ein neues musikalisches Bühnenprogramm?

Ich will mit den Jungs gern noch einmal etwas anderes, neues machen. Ich hoffe deshalb, dass wir noch eine Weile halten. Die Arbeit an den Programmen macht ja großen Spaß. Immer, wenn wir ein Lied gefunden haben, das zu uns passt und unsere musikalischen Fähigkeiten nicht überfordert, experimentieren wir so lange damit, bis sich eine interessante Fassung einstellt. Wir versuchen dabei, diese„Evergreens“zu dekonstruieren und so wieder aufzubauen, dass sie für den Zuhörer überraschend neu klingen. Aber irgendwann ist natürlich das meiste abgegrast und wir müssen etwas Eigenes machen. Ich könnte mir z.B. vorstellen, elektronische Musik mit akustischen Mitteln und Instrumenten zu verfremden.

Hat Nostalgie Konjunktur, wenn von der Zukunft nichts Gutes zu erwarten ist?

Die Sehnsucht, dass es auf der Welt schöner, gerechter, poetischer und friedlicher zugehe, gab es immer und sie existiert ja auch in unserer Zeit, auch wenn uns Gier, Dummheit und technologischer Irrsinn immer mehr zusetzen. Der tiefere Sinn des Internets besteht ja in einer besseren Kommunikation unter uns Menschen und im schnellen Zugriff auf Wissen, aber genutzt wird es im Wesentlichen, um Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren und wirtschaftlich auszuweiden. Bilderfluten, denen wir überall und immer ausgesetzt sind, machen uns zunehmend sprachlos, legen unsere eigene Phantasie lahm und rauben uns unsere Autonomie und Menschenwürde. Aber mit dem Aufbruch in die transhumane Zukunft, spielen solche Gedanken vermutlich keine große Rolle mehr, dann ist der zufällig entstandene Mensch mit seiner zerbrechlichen Seele eben Geschichte. Unsere Lebenswelt ist so komplex und unübersichtlich geworden, dass sie keine Sau und übrigens auch kein Mensch mehr versteht.

Haben Sie deshalb bewusst kein Smartphone?

Ich habe ein Handy zum Telefonieren und SMS-Verschicken. Dieses Immer-auf-Sendung-Sein, die permanente Erreichbarkeit würde mich wahnsinnig machen. Alle sieben Sekunden das Gerät herausholen, wenn es denn überhaupt einmal aus der Hand gelegt wird. Die Menschen in Bus und Bahn sehen sich nicht mehr an, sehen keine Landschaften, sie starren hypnotisiert auf die Bildschirme ihrer bescheuerten Leuchtschachteln.

Was fasziniert an Jazz, Swing und alten Schlagern?

Ich liebe sie einfach – diese Musik! Dieses spritzige, elegante Lebensgefühl und die Qualität der Musiker Haben sich mir sofort vermittelt.

Auch damals in Tübingen als Straßenmusiker?

Ja. Meine Tübinger Truppe, die Floyd-Flood- light-Foyer-Band, spielte gegen anfänglichen Widerstand Nummern, die auch damals kein Mensch mehr kannte. Wir nannten das Schleim- und Behelfsjazz, Vorkriegsschlager und Brachialtangos und waren damit ziemlich erfolgreich. Ich bin in der Nähe von Hannover groß geworden. Ein Großonkel von mir, emeritierter Mathematik Professor der Universität, liebte das englische Tanzorchester von Jack Hylton, das er im Kuppelsaal der Stadthalle noch in den 20er Jahren erlebt hatte. Stundenlang hat er mir seine alten Platten vorgespielt und ich habe sofort begriffen, was ihn daran so faszinierte. Ich habe dann versucht, diese Art Musik auf Vinyl zu finden. Meine erste Platte war eine von Fletcher Henderson; die habe ich geklaut, weil ich kein Geld hatte, sie aber unbedingt haben wollte. Dann kamen Earl Hines und Fats Waller. Ich wollte Klavier spielen können wie diese Großmeister. Ich habe es nicht geschafft, aber die Freude an ihrer Musik haben sie mir eingepflanzt und die ist geblieben.

Welche Künstler haben Sie damals live erlebt?

Hannover hatte Anfang der 70er eine sehr gute Jazzszene. Im Leine Domicil traten Skifflebands auf und im Jazzclub wurde viel Dixieland gespielt. In der Stadthalle habe ich Duke Ellington, Lionel Hampton und Benny Goodman gesehen. Und in einem Club traf ich auf Muddy Waters. Nach der Show bin ich zu ihm und habe ihm meine Bewunderung ausgesprochen. Er war total nett.

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